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Die reisende Buchhändlerin
Aktivitäten und Projekte
Veröffentlichungen und Themen von Vorträgen und Diskussionen (national und international)
Über Jamila Hassoune in der Zeitschrift Publik-Forum
Thomas Schneider: Eine Geschichte vom Weggehen(Publik-Forum 15/2005) (…) Marokko ist ein Land, in dem man das Lesen vor wenigen Jahrzehnten noch als Privileg hätte bezeichnen können. Der Schulbesuch ist angestiegen aber noch immer gibt es eine starke Minderheit von Marokkanern, die nicht lesen kann. Die setzt sich vor allem aus Frauen und aus Landbewohnern zusammen. Und wer lesen kann, gibt sein Geld trotzdem nicht vorrangig für Bücher aus. Es war also ein Wagnis, als die Hassounes in den 90er Jahren ihre Buchhandlung eröffneten. Um die Lesekultur zu fördern, hat Jamila Hassoune seitdem einiges unternommen. Sie gründete einen Buchclub, der Schriftsteller nach Marrakesch einlädt, lief zu den Tophotels der Stadt und bat sie, für Autorenlesungen Räume bereitzustellen. Weil man mit solchen Veranstaltungen aber vor allem ein Publikum erreicht, das sowieso schon liest, dachte sie sich etwas anderes aus. Mit Lehrern, Professoren und Journalisten tat sie sich zur "Caravane Civique" zusammen, einer Karawane, die aufs Land zog und in abgelegenen Orten Lesungen, Diskussionen und Vorträge anbot. Die Idee brachte Jamila Hassoune den Titel der "Frau des Jahres" in Marokko ein. (…) "Jeder Mensch soll frei sein zu gehen, wohin er will", sagt Jamila Hassoune. "Aber er sollte wenigstens wissen, was er tut." Das ist vielen junge Marokkanern, die ins Ausland wollen, nicht bekannt. Nicht nur, dass viele, die in Booten von Menschenhändlern nach Spanien übersetzen, ertrinken. Auch die Glücklicheren, die es schaffen, leben oft unter erbärmlichen Bedingungen, werden ausgenutzt, ausgebeutet, teilweise zur Prostitution gezwungen, und dies alles, ohne sich wehren zu können - schließlich sind sie illegal in der EU. Das, finden Rachid Ouald El Houssine (30 Jahre, Lehrer) und Jamila, seien Tatsachen, die man den Jugendlichen klar machen müsse. "Nicht zur Abschreckung", sagt die Buchhändlerin, "sondern damit sie die faire Chance haben, abzuwägen." Über das Internet haben die beiden Kontakt zu jungen Marokkanern in Turin aufgenommen. In Norditalien leben viele junge Leute aus dem Maghreb, und die nächsten, die Europa ansteuern, gehen vorzugsweise dahin, wo es bereits Landsleute aus ihrem Dorf, ihrem Viertel gibt. Der Lehrer und die Buchhändlerin wollen Jugendliche aus Marrakesch und der Umgebung mit den jungen Marokkanern in Italien online zusammenbringen. Damit sie sich wechselseitig erzählen - die einen von ihren Erwartungen, die anderen von ihren Erfahrungen. (…) In der Buchhandlung werden derzeit per E-Mail die Kontakte von Marrakesch nach Turin geknüpft, und Jamila Hassoune denkt schon weiter. Vielleicht lässt der Briefverkehr zwischen Auswanderern und Auswanderungswilligen veröffentlichen. Auf jeden Fall sollen sie sich persönlich kennen lernen, in Italien. Im nächsten Herbst planen die Buchhändlerin, der Lehrer und die Sozialarbeiterin Halima Oulami eine Reise nach Turin. Sponsoren gibt es schon, jetzt hoffen sie, dass es mit den Visa auch klappt. Wa dabei herauskommen wird? Jamila Hassoune hat eine Lieblingsversion: Die Jugendlichen aus Marrakesch lernen, dass Europa kein Paradies ist, jedenfalls nicht für mittellose und womöglich illegale Einwanderer aus Nordafrika. Und sie lernen ihre eigenes Land mit anderen Augen zu sehen, wenn sie zurückkommen: als Land mit Defiziten, aber als Land, das trotzdem eine Zukunft hat. |
« retour (A propos de moi)
"Es war Jamila Hassoune, die von einem fliegenden Teppich träumte, um Bücher in die ländlichen Gegenden zu bringen, womit es begann: 'In 1001 Nacht waren fliegende Teppiche normal', sagte sie. 'Ich träume heute von einem fliegenden Buchladen.'" Fatema Mernissi über den Anfang der Caravane Civique (Bürger-Karawane) » Die Buchhändlerin von Marrakesch: Mit Büchern für die Freiheit, Mai 2011 |